Kapitel 3: Hans

Auf dem Weg zum Auto lockerte Hans seine Krawatte. Er öffnete die Fahrertür, und ein Schwall heiße Luft strömte ihm entgegen. Es war zwar erst Mai, aber die Sonne brannte schon seit drei Tagen wie im Hochsommer.
Achtlos warf er seine Aktentasche auf den Beifahrersitz, steckte den Schlüssel ins Zündschloss und drehte ihn. Der Motor brummte, und Hans ließ schnell alle Scheiben runter. Er saß noch keine zwei Sekunden im Auto und schwitzte schon so stark, als hätte er eine halbe Stunde intensives Hanteltraining hinter sich. Dabei fiel ihm etwas Wichtiges ein. Er stemmte sich mühsam aus dem Wagen, zog die Jacke aus und suchte in den Taschen nach seinem Handy. Als er es in den Händen hielt, überlegte er, ob er seine Frau anrufen oder doch nur eine Nachricht schreiben sollte. Kurzerhand entschied er sich für eine SMS, dann musste er sich nicht auf eine lange Diskussion einlassen, falls sie wieder launisch war.
»Ich hab jetzt Feierabend. Gehe jetzt zum Training. Bis dann.«
Er drückte auf Senden. Überlegte kurz und verschickte zusätzlich ein: »Ich denke an Dich!«
Das besänftigte sie, für alle Fälle.
Nachdem er das Handy in der Hosentasche verstaut hatte, ließ er sich auf den Fahrersitz plumpsen. Es war zwar noch immer sehr warm im Wageninneren, aber nicht mehr so unerträglich wie beim Öffnen. Hans schnallte sich an und manövrierte den silbernen Ford Mondeo mühelos in den fließenden Feierabendverkehr. Er fuhr nach Norden, in die entgegengesetzte Richtung des Fitnessstudios.

Hans parkte sein Auto bei den Ausläufern des Waldes am Stadtrand und legte den Rest des Wegs zu Fuß zurück. Während er den Waldweg entlanglief, sah er zu, wie sich die Sonne hinter den Büschen versteckte und langsam ihrem Untergang entgegenging. Zwischen zwei verwachsenen Büschen, von denen einer voller vertrockneter Blätter war, verließ er den Pfad und bog rechts ab. Noch circa. 550 Meter, dann wäre er am Ziel. Vereinzelte Zweige peitschten ihm gegen Arme und Beine, während er sich durch das Dickicht fortbewegte. Hierher verirrte sich kaum jemand.
Schließlich stand er vor einer verwitterten alten Holzhütte. Vor Jahrzehnten war sie mit Sicherheit ein Schmuckstück gewesen, heute sah man ihr beim Verrotten zu.
Hans stieg die zwei kleinen Stufen hinauf und öffnete die Tür. Sie knarrte etwas und schleifte beim Öffnen leicht über den Boden. Als er eintrat, wehte ihm die deutlich kühlere Luft im Inneren einen sandig-schimmeligen Geruch entgegen. Er sog ihn tief in sich auf, denn so roch die Freiheit. Hier in dieser Hütte hatte er das Sagen und konnte tun und lassen, was ihm beliebte. Hier war er der König.
»Guten Abend Hans«, ertönte es aus der Ecke, die man von der Tür nicht einsehen konnte. Erschrocken fuhr Hans herum und bewegte sich vorsichtig auf die fremde Stimme zu.
»Wer sind Sie, und was tun Sie hier?«
»Ich habe gelesen, solange ich gewartet habe.«
Es raschelte, und ein Mann erhob sich aus dem alten Ledersessel mit den zerschlissenen Armlehnen und trat vor. Er war etwa Mitte Vierzig, schlank und hatte kurzes dunkelblondes Haar, das er trotz der geringen Länge präzise über dem rechten Auge gescheitelt trug. Sein Erscheinungsbild wirkte elegant, wie jemand, der sich um Geld keine Sorgen zu machen brauchte. Hans überlegte, doch er kannte ihn nicht.
»Wer sind Sie, verdammt nochmal, und wie sind Sie hier rein gekommen?«, verlangte er zu wissen, die Ader auf seiner Stirn pulsierte.
Der Mann lief drei Schritte bis zum Bücherregal und stellte »Taxidermie« zurück. »Interessante Lektüre haben Sie da«, bemerkte der Fremde, ohne auf eine von Hans‹ Fragen zu reagieren. Dieser wurde immer wütender.
»Was willst du von mir, du Penner?«
»Na na, vergessen Sie nicht Ihre guten Manieren!«, lachte der Fremde. Seine Stimme triefte nur so vor Sarkasmus.
»Verschwinde, sonst mach ich dir Beine, Arschloch«, drohte Hans und ballte die Fäuste, während der Fremde seelenruhig mit den Fingern über die einzelnen Buchrücken strich. Hans platzte fast vor Wut.
»Ich gehe, wenn Sie mir eine Frage beantworten können, mein Lieber«, sagte der Fremde und sah über die Schulter.
»Was soll der Mist? Verpiss dich!«, brüllte Hans mit zunehmend feuchter Aussprache. Er trat zwei Schritte auf ihn zu und hob den Arm, um dem Fremden eine zu verpassen.
»Nein? Gut, dann haben Sie ihr Schicksal besiegelt.« Mit diesen Worten wirbelte der Fremde herum. In der Hand hielt er eine von Hans‹ massiven Messingbuchstützen und holte aus.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das:
search previous next tag category expand menu location phone mail time cart zoom edit close