Kapitel 2: Sarah

Seit über acht Stunden stand Sarah am Black Jack Tisch und ließ elegant die Karten durch ihre Finger gleiten, als sie endlich das erlösende Schulterklopfen verspürte. Sie beendete den aktuellen Spielzug mit einem Unentschieden, denn der Spieler zu ihrer Rechten, der sich selbst »Der Zocker« nannte, wies die gleiche Anzahl an Punkten auf wie sie.
»Glück gehabt, Mädchen! Hättest du mich jetzt noch abgezockt, hätte ich dich übers Knie legen müssen«, lachte er süffisant und blies den Rauch seiner billigen Zigarre quer über den Tisch.
Sarah lächelte den in die Jahre gekommenen Sonnyboy freundlich an, auch wenn sich in ihrem Kopf sämtliche verbale Gegenattacken bildeten.
»Ich wünsche noch einen angenehmen Abend, Gentleman«, verabschiedete sie sich. Als sie die Toke Box mit ihrem Trinkgeld zusammen packte, warf ihr »Der Zocker« einen blauen Chip zu.
»Bis morgen, Schätzchen!«
»Vielen Dank! Bis morgen«, antwortete sie höflich, steckte den Zehn-Euro-Chip zu ihrem restlichen Trinkgeld und verließ immer noch lächelnd ihren Arbeitsplatz.
Als sie mit Hilfe ihrer personalisierten Zugangskarte den Mitarbeiterraum betrat, schraubte sie mit einer dezenten Geste an ihrer Wange das eingefrorene Lächeln runter. Den halben Tag vor sich hinzugrinsen war nicht leicht. Als Kartendealer war sie den Launen der Spieler ausgesetzt. An beschissenen Tagen hagelte es Beschimpfungen, schleimige Anmachen oder Handgreiflichkeiten. Letzteres kam zum Glück nicht so häufig vor. Aber natürlich war nicht alles schlecht. Es gab auch viele gute Tage, zum Beispiel, wenn die Spieler am Tisch entspannt waren und sich nett unterhielten. Meistens geschah das, wenn sie gewannen. Dann geizten sie auch nicht so mit dem Trinkgeld. Noch nie war Verlieren so lukrativ gewesen.
Sarah ging zu Chantal, um ihre Chips zu tauschen.
»Moin. Na wie war’s?«, schnurrte ihre Kollegin ihr Kaugummi kauend entgegen.
»Ganz ok. Der Zocker war heute ganz entspannt«, erzählte Sarah. Sie drehte angestrengt ihren Nacken, bis es knackte.
»Dat hört sich nich gut an. Du musst endlich mal zu einem Physiotherapeuten«, mahnte Chantal in ihrem unverwechselbaren nordischen Dialekt, während sie Sarah auszahlte.
»Ja, du hast recht. Ich mach das, wenn ich Urlaub habe«, versuchte sie sich aus der Unterhaltung zu winden, aber Chantal ließ nicht locker.
»Ich geb dir morgen die Nummer von meinem, der ist echt spitze. Niemand hat mich so berührt wie er«, schwärmte sie, ohne sich der Mehrdeutigkeit bewusst zu sein. Sarah schmunzelte und nickte.
»Versprich mir, dass du ihn anrufst!«
»Okeee.« Sarah rollte gespielt mit den Augen.
»Ich nehm dich beim Wort. Wenn du dat nicht tust, leg ich dich übers Knie«, drohte sie lachend.
»Da wärst du schon die Zweite heute«, erwiderte Sarah, mehr zu sich selbst, während sie sich zur Umkleide wendete. Im Laufen hob sie die Hand und wünschte Chantal einen guten Morgen.

Es war um diese frühe Morgenstunde recht frisch draußen, obwohl erst September war. Sarah kramte zwei dünne Handschuhe aus ihrer Jackentasche und schlenderte zu den Fahrradständern.
»Verdammte Scheiße!«
Jemand hatte sich an ihrem Fahrrad zu schaffen gemacht. Das Vorderrad fehlte. Na klasse. Ihre Füße schmerzten so unerträglich wie die Schultern, und sie wollte einfach nur schnell nach Hause. Am liebsten hätte sie sich jammernd auf den Boden geworfen, wollte heulen und schreien wie ein bockiges Kleinkind, aber selbst das erschien ihr heute zu anstrengend. Resigniert wägte sie im Kopf alle Möglichkeiten ab, die ihr blieben, und entschied sich dafür, zur Bahn zu laufen. Ein Taxi wäre zwar die entspanntere Lösung, aber dafür war sie zu geizig. Und so setzte sie sich mit einem tiefen Seufzer in Bewegung.

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