Kapitel 1: Davi

Dunkelheit und Stille zierten die unauffällige Straße am Stadtrand von Hamburg. Die einzige Bewegung war die des frischen Windes, der an den Baumkronen zerrte. Am Straßenrand parkten vereinzelte Autos. In einem davon saß Davi und wartete.
Der Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es kurz nach vier war. In knapp zwei Stunden würde die Sonne aufgehen. Das konzentrierte Warten strengte ihn an. Die Müdigkeit übermannte ihn, die beste Zeit schlafen zu gehen, aber das würde Vin nicht zulassen. Er gähnte und rieb sich mit den Handballen die Augen.
Ein Lächeln umspielte seine Lippen, als er daran dachte, wie Maria das tat und so ihre Wimperntusche komplett unter den Augen verteilte. Mit den dunklen Schatten sah sie aus wie ein Waschbär. Sobald er an Maria dachte, durchzog ihn eine wohlige Wärme, dass ihm das Herz aufging, aber nur für einen kurzen Moment, denn dann wurde ihm bewusst, dass er sie vielleicht nie wiedersehen würde. Er vermisste sie wahnsinnig, und das Wohlgefühl verschwand und hinterließ einen unangenehmen Kloß im Hals.
Ein entgegenkommendes Auto ließ ihn aufschrecken. Er drückte sich tief in den Sitz. Sein Puls raste, und er hoffte, dass niemand auf ihn aufmerksam werden würde. Als der Wagen vorbei war, atmete er laut aus und beruhigte sich langsam.
Entspann dich!
Er riss die Augen auf, um sich besser konzentrieren zu können. Das Auto hätte er schon viel früher bemerken müssen. Von seinem Platz aus war es ihm möglich, fast einen halben Kilometer der Straße einzusehen. Das war wichtig, wie ihm Vin vor zwei Wochen unmissverständlich eingetrichtert hatte. In seinem Kopf hallte das Gespräch mit ihm nach.
Er sah sich in Vins Wohnung. Sie war klein und nur mit dem Nötigsten ausgestattet, doch jedes Gerät und Möbelstück war von hochwertiger Qualität. Davi fühlte sich fehl am Platz irgendwie eingeschüchtert. Er hatte Angst etwas kaputt zu machen und bis zu seinem Lebensende für Vin arbeiten zu müssen. Und auch wenn er dessen Geschmack durchaus schätzte war ihm alles andere an diesem Mann zuwider.
Davi befand sich gerade in der Küche, um sich vorsichtig einen Tee aufzugießen, als Vin plötzlich die unerträgliche Stille durchbrach. »Ich habe einen neuen Auftrag für dich!«
Davi zuckte innerlich zusammen.
»Es gibt da jemanden, der noch in seine Spur gewiesen werden muss, du verstehst, was ich meine?« Vin lachte laut auf.
Davi schloss die Augen und atmete kopfschüttelnd aus. »Ich möchte das nicht mehr.« Seine Hände zitterten unkontrolliert, so dass er die dampfende heiße Tasse vor sich abstellte.
»Das ist ganz ehrenhaft von dir, dass du das nicht möchtest, aber was du möchtest, steht hier nicht zur Debatte, mein Lieber.« Seine Stimme wurde fester. »Du wirst tun, was ich von dir verlange, sonst wirst du Maria nie wiedersehen.«
Die Erinnerung an diese Worte schmerzten so sehr in seiner Brust, dass es ihn fast zerriss. Er rüttelte die Gedanken daran aus seinem Kopf, rieb sich angestrengt über Stirn und Augen und sah nachdenklich auf den Asphalt. Eine gefühlte Ewigkeit war vergangen. Davi gähnte und ließ die Schultern kreisen, um die erdrückende Müdigkeit zu vertreiben. Doch sie blieb und legte sich schwer über seine Lider. 4:34 Uhr. Er kramte in der Jackentasche herum und fischte sein Handy heraus, gab die vierstellige PIN ein, den Geburtstag seiner Frau, und tippte eine Nachricht.
»Hi! Ich muss heute länger Arbeiten. Mein Akku ist alle, darum schreib ich nicht von meinem Handy. Bis dann, Küsschen. «
Er zögerte kurz, schrieb zu Ende und hielt beim Anblick des Senden-Buttons wiederholt inne. Seine Finger zitterten leicht.
Mach schon!
Trotz der warnenden Aufregung in seinem Inneren drückte er schließlich auf Senden. Es musste sein. Er hatte keine andere Wahl. Schwer atmend schloss er die Augen und lehnte für einen kurzen Moment den Kopf nach hinten. In was war er da nur hinein geraten?
Als er wieder aufsah, fühlte er sich noch immer nicht besser. Er blickte auf das Handy in seiner Hand und tippte darauf herum, bis sich die Bildergalerie öffnete. Es waren unzählige Fotos, die sich auf sechs Ordner verteilten. Die meisten zeigten Naturaufnahmen, Urlaubsbilder und Schnappschüsse von Maria, doch diese interessierten ihn im Moment nicht. Nach einer Ewigkeit des Hin- und Herscrollens hatte er gefunden, wonach er suchte.
Zwei helle blaue Augen starrten ihm entgegen. Zerzauste dünne Haarsträhnen lagen quer über der verschwitzten Stirn. Der Mund hinter dem Klebeband nur zu erahnen. Blut lief aus einer Wunde am Kopf. Flehend sah ihn der ältere Mann auf dem Bild an, und Davi schluckte schwer.

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