5 Autoren eine Geschichte

Teil 2 gibt es bei http://www.facebook.com/jona.gellert.1

Teil 3:

02.01.2019 Morgen

Willa trat in die Küche, geweckt vom süßen Waffelduft der durch das Haus zog. „Guten Morgen mein Schatz,“ rief ihr ihre Mutter fröhlich zu. „Morgen,“ brummte Willa zurück. Es war kurz nach acht und sie war einfach noch nicht wirklich bereit wach zu werden. „Schön, dass du heute hiergeblieben bist. Du fehlst uns,“ gab ihre Mutter, mit einem sanften Kuss auf Willas Stirn und einen schwarzen Kaffee in ihre Hand, zu. Willa nickte dankbar und ließ den heißen Muttermacher ihre Kehle hinuntergleiten. „Wo ist Dad,“ fragte sie verwundert. „Ach der musste wieder mitten in der Nacht los,“ rollte ihre Mutter demonstrativ mit den Augen. Wissend nickte Willa und starrte aus dem Fenster. „Was ist denn das?“ „Was meinst du, Schatz,“ fragte ihre Mutter während sie die letzte Waffel aus dem Waffeleisen nahm. Willa zeigte nur stumm aus dem Fenster. Ihre Mutter folgte ihrer Hand nach draußen. „Ach wie süß,“ rief sie entzückt. „Das waren bestimmt die Kinder aus der Nachbarschaft.“ Ein riesiger Schneemann ragte auf der Vorgartenfläche, im Schutz der hohen Grundstückshecke, empor. Dick und rund. Es musste die ganze Nacht geschneit haben. Nach dem Frühstück zog sie sich warm an und ging hinaus.
Zwei schwarze Augen sahen sie an, als sie direkt vor ihm stand. Kohlestückchen. Die Nase, ein Tannenzapfen, bestimmt aus Nachbars Garten. Und der aus Kronkorken bestehende Mund strahlte ihr fröhlich entgegen. Sie musste schmunzeln. Als sie den senfgelben Schal um seinen Hals sah, musste sie wieder an ihren prickelnden Neujahrskuss denken und strich wie zufällig mit dem Finger über ihre Lippen. Sie konnte sich erinnern das der Unbekannte auch so einen trug. In ihrem Bauch tobten plötzlich tausende Schmetterlinge und doch machte es sie im nächsten Moment wieder ein wenig traurig, denn wie groß war die Chance das es ein Wiedersehen gab.

Ein stechender Schmerz ließ Mo zusammenzucken. Er fühlte sich wie benommen und ihm war eiskalt. Was ist passiert? Langsam versuchte er seine steifen Glieder zu strecken, aber nichts geschah. Auch seine Augen konnte er nicht öffnen. Panik stieg in ihm auf. Hatten sie ihn etwa gefunden? Aber das war unmöglich. Er musste schnell wieder zu sich kommen, um die Situation richtig einschätzen zu können. Seine Atmung, die sich eben noch im Sprintmodus befand, wurde wieder stetig ruhiger, dafür sorgte er. Konzentriert versuchte er seine Umgebung und seine Situation wahrzunehmen. Er saß, stellte er fest, konnte sich aber nicht bewegen. Vermutlich war er gefesselt und geknebelt, so fühlte es sich zumindest an. An seinem Gesicht und seinen Händen spürte er lähmende Kälte. Er versuchte wieder sich zu bewegen, doch es gelang ihm nicht. Wie lange war er schon in dieser Lage? Ein dumpfes Geräusch war plötzlich zu hören. Dann ein Flüstern, als ob sich in einem Nebenraum Jemand leise unterhielt. Er versuchte etwas zu verstehen, aber es war irgendwie als wäre er unter Wasser. Dann ergriff er die einzige Chance die er hatte und schrie so laut er konnte. Durch den Knebel hörte es sich eher an wie ein undefinierbares langgezogenes kreischendes Krächzen an.

„Ja bis nachher,“ rief Willa ihrer Mutter zu, die ins Auto stieg und auf dem Weg zum Einkaufen war. In der Zwischenzeit baute Willa aus dem Restschnee der noch übrig war, einen kleinen Schneehasen neben dem riesigen Schneemann. Sie liebte den Winter, wenn die Schneeflocken gemütlich zur Erde segelten und alles mit einer weißen Schicht überzogen. Wie eine andere Welt.
Als sie gerade an den Öhrchen des Schneehasen zugange war, kam Finn um die Ecke. „Hey Hübsche!“ „Verschwinde,“ rief sie ihm trocken zu. Finn stand da und beobachtete sie, die Hände lässig in den Taschen. Er strotzte nur so vor Selbstbewusstsein und das kotzte sie gerade so richtig an. „Du hast mir gefehlt,“ sagte er plötzlich und wirkte dabei fast ein wenig reumütig. „Du hast Schluss gemacht, leb damit,“ entgegnete sie versucht unbeeindruckt. Was bildet sich dieser Fatzke ein. Schluss machen und nach ein paar Tagen ist alles wieder gut? Nicht mit ihr. „Ich weiß das du mich auch vermisst,“ er konnte nicht falscher liegen. „Geh bitte und lass mich in Ruhe,“ gab sie ruhig zurück. Er bewegte sich nicht, schien aber nachzudenken was er als Nächstes von sich geben könnte, sie kannte ihn eben schon recht lange. Zu lange. „Ich komme wieder und dann wirst auch du begreifen, dass wir zusammengehören. Ich habe das nämlich.“ Er stand noch ein paar Sekunden da und als er merkte das von Willa nichts mehr kam, drehte er sich um und ging. Willa atmete tief durch. Sie wollte ihn definitiv nicht zurück, das war klar.
Plötzlich drang ein seltsames Geräusch an ihr Ohr. Was war das? Verwirrt sah sie sich um. Nichts. Sie horchte, aber es war weg. Mit einer Hand voll Schnee widmete sie sich wieder ihrem Schneehasen. Jetzt fehlte nur noch das süße kleine Näs… Da war es schon wieder. Es klang irgendwie weit weg und doch ganz nah. Es machte sie einerseits neugierig und andererseits jagte es ihr auch einen Schauer über den Rücken. Da war es nochmal. Sie lief dem Geräusch entgegen und stand plötzlich vor dem Schneemann. Ein ganz ungutes Gefühl überkam sie. Sie nahm einen kleinen Ast und stocherte vorsichtig an dem Mann in weiß herum. Der Schnee fiel in kleinen Bröckchen zu Boden, dann ein Widerstand. Das merkwürdige Geräusch hielt jetzt länger an. „Oh mein Gott,“ rief sie entsetzt aus, als sie eine winzige Bewegung im Inneren des Schneemannes sah. Sie stand da wie gelähmt. War da etwa ein Mensch drin? Schlagartig war sie wieder da und reagierte blitzschnell. Sie schmiss den Ast weg und versuchte so gut sie konnte den Schnee mit ihren Händen wegzuschaufeln. Ein dunkler Mantel kam zum Vorschein. Vorsichtig arbeitete sie sich zum Kopf hin. Vor ihr saß ein junger Mann mit einem Knebel im Mund. Schnell versuchte sie ihn davon zu befreien, aber das Panzertape klebte ziemlich fest. Tränen rannen über seine Wange, als sie daran zog. „Es tut mir leid. Es tut mir leid. Es tut mir leid,“ flüsterte sie panisch in Endlosschleife vor sich hin, während sie an dem Tape riss. Ein kurzer Aufschrei, dann war der Knebel weg. „Danke,“ krächzte er erschöpft. „Wer hat ihnen das angetan,“ fragte Willa ihn verstört. „Ich weiß es nicht. Bitte binden sie mich los!“ Sie schüttelte ihre Verwirrung ab und band ihn vom Stuhl los. Als sie sich wieder seinem Gesicht zu wand erschrak sie erneut. Diese Augen, diese Nase, dieser Mund. Vor ihr saß ihr unbekannter Neujahrsküsser. „Wir müssen die Polizei rufen,“ sagte sie nervös. „Nein, nein, bitte nicht rief er verzweifelt und packte ihre Hand. Es durchzuckte sie wie einem Blitz. Willa konnte nicht klar denken, alles war so absurd. Eben noch war ein schöner entspannter Wintertag und mit einem Schlag befand sie sich in einer Art Albtraum. „Komm mit rein,“ entgegnete sie schließlich und zog ihn ins Haus.

Der heiße Wasserstrahl prasselte wohltuend auf Mo hinunter. Er stellte sich vor, dass all der Schmerz mit dem Wasser in den Ausguss floss. Tat es aber nicht. Seine Fesseln waren eingeschnitten und sein Kopf dröhnte. Jemand hatte ihm mit voller Wucht eine übergezogen. Musste er jetzt wieder den Wohnort wechseln? Wieder flüchten? Er hasste es so. Jetzt wo er Willa kennengelernt hatte, oder zumindest hoffte er das zu tun. Aber war das realistisch? Ihre traumhaften roten Haare, die kleinen blassen Sommersprossen auf ihrer Nase, ihre samtweichen vollen Lippen. Nur der Gedanke an ihren Kuss verbesserte schlagartig sein Befinden.
Willa kochte gerade Tee, als er in die Küche kam. Nervös reichte sie ihm eine Tasse. Er lächelte dankbar. Sie schwiegen. Lange genug, dass die Situation so unerträglich wurde, um impulsiv eine Frage in den Raum zu schleudern. „Wer macht sowas,“ wollte sie wissen. Er wusste es, aber er schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung, sollte vielleicht ein ganz schlechter Winterscherz sein,“ versuchte er die Situation etwas weniger dramatisch aussehen zu lassen. „Ein sehr Schlechter,“ stieg sie versucht darauf ein. Dann wieder Schweigen. Er würde ihr so gern alles erzählen, aber er musste vorsichtig sein. Am liebsten würde er sie jetzt küssen und mit ihr durchbrennen, einfach so, weil es das ist was er gerade fühlte. Wahrscheinlich würde er sich eine Ohrfeige einfangen und sie nie wiedersehen. Also. „Ich muss jetzt gehen,“ hörte er die Worte seinen Mund verlassen und spürte einen kleinen Stich im Herzen. Sie nickte abwesend. Dann stellte sie den Tee weg und brachte ihn zur Tür. Er beugte sich ein Stück weit zu ihr runter und flüsterte ein zartes „Danke, für alles!“ in ihr Ohr. Und im letzten Moment steckte er ihr unbemerkt einen Zettel zu und verschwand.

Teil 4 gibt es ab morgen (03.01.2019) bei http://www.hilgahoefkens.de oder bei http://www.facebook.com/Hilga.Hoefkens.Autorin/

 

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